Ein Gruss aus Greifswald

Greifswald Altstadt<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>evang-weinfelden.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>1</div><div class='bid' style='display:none;'>1865</div><div class='usr' style='display:none;'>2</div>

Greifswald? Noch nie gehört! Wo liegt das? - So und ähnlich waren die Reaktionen von Freunden und Bekannten, die sich erkundigten, was ich in meinem 4-monatigen Studiensemester vorhabe. Nach den ersten Wochen des Ankommens und des sich Ein-und-Zurecht-Findens möchte ich im Folgenden einen kleinen Einblick geben in das, "was ich so mache dort oben".
Richard Häberlin,
Seit einigen Wochen bewege ich mich auf 7 m.ü.M. in der Universitäts- und Hansestadt Greifswald, im äussersten Nordosten Deutschlands gelegen (Bundesland Mecklenburg-Vorpommern). Diese Stadt hat ca. 60‘000 Einwohner, wovon 10‘000 Studierende – also etwa ein Sechstel der ganzen Bevölkerung! Bei und unter so vielen jungen Leuten komme ich mir manchmal etwas alt vor… Greifswald liegt zwischen den bekannten Ferieninseln Rügen und Usedom, an der Mündung des Flüsschens Ryck. Die Gründung der Stadt geht auf das unweit davon gelegene Kloster Eldena zurück, zu dessen Gut die neue Siedlung einst gehörte. Heute noch stehen die Ruinen dieses auf das Jahr 1199 von den Dänen gegründete Klostergebäudes eindrücklich in der Landschaft am „Greifswalder Bodden“. Der romantische Maler Caspar David Friedrich (19. Jh.) hat die Ruine zum Motiv für mehrere seiner Bilder gemacht.
In dieser von manchen als „Provinznest“ bezeichneten Stadt gibt es eine Universität, welche immerhin die zweitälteste im Ostseeraum ist (gegründet 1456). Der offizielle Name dieser Institution lautet übrigens „Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald“. Das könnte sich aber bald einmal ändern, weil der Senat der Uni beschlossen hat, den Namen „Ernst Moritz Arndt“ zu streichen, weil der ehemalige Professor Arndt (1769-1860) einen starken Nationalismus mit antisemitischen Tendenzen vertrat. Dagegen hat sich nun aber heftiger Widerstand aus der lokalen Bevölkerung geregt und zu einer hitzigen Debatte geführt. Mit diesem Namen verbinden offenbar Viele einen Teil ihrer Identität. Ich bin gespannt, ob ich bei Beendigung meiner Studienzeit hier nur noch die „Universität Greifswald“ verlasse…
Einen wesentlichen Teil meiner Studienzeit verbringe ich in Vorlesungen und Seminaren an der Theologischen Fakultät:
  • Pastoraltheologie: Diese von Prof. Michael Herbst gehaltene Vorlesung befasst sich mit theologischen Grundfragen des Pfarramtes in Geschichte und Gegenwart. Sie präsentiert neuere Konzeptionen des Selbst- und Dienstverständnisses evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer und sucht eine Klärung des besonderen Verhältnisses von allgemeinem Priestertum einerseits und ordnungsgemäss berufenem Amt andererseits.
  • „Fresh Expressions of church“: Dies ist eine ökumenische Initiative, die ausgehend von der Anglikanischen Kirche Englands im letzten Jahrzehnt den europäischen Kontext erfasst hat. Fresh X steht für neue Formen von Kirche, die missional, kontextuell, lebensverändernd und gemeindebildend sein will. – Spannende Entwicklungen. Ein Versuch, auf die sich rasant verändernde Gesellschaft Antworten zu finden. Aber auch die eine oder andere kritische Anfrage stellt sich.
  • Urgeschichte Genesis 1-11: Diese zum Fach Altes Testament gehörige Vorlesung besuche ich, um mich auf dem Laufenden zu halten darüber, was heute, 25 Jahre nach meinem Studium, im Bereich der historisch-kritischen Bibelauslegung gelehrt wird.
  • Systemische Aspekte der Gemeindeentwicklung: Dieses Seminar macht mir viel Freude, weil es versucht, systemische Sichtweisen, die mir aus Seelsorge und Beratung vertraut sind, auf Fragen der Gemeindeentwicklung anzuwenden.
  • Und als „Dessert“ (diejenigen, die mich kennen, wissen, dass ich dem Süssen nicht abgeneigt bin – vor allem die Quarktorten hierzulande sind eine grosse Versuchung für mich!) habe ich mir einen Kurs an der Philosophischen Fakultät, genauer am Institut für Slawistik, ausgewählt: Altkirchenslawisch! Es ist die Sprache, welche die beiden „Apostel der Slawen“, Method und Kyrill, geschaffen haben, um die biblische Botschaft den Völkern des Ostens zu bringen. – Zugegeben, der unmittelbare praktische Nutzen für die Gemeindearbeit in Weinfelden wird wohl bescheiden sein, aber das Eintauchen in die Vorsprache des heutigen Russischen erwärmt mein (Sprachen-)Herz…

Nebst diesen regulären Veranstaltungen werden Kurse und Impulse im Bereich Geistliche Leitung, Selbstmanagement, Gabenprofil sowie Supervision angeboten. Auch Begegnungen mit Pfarrern aus der Umgebung und Bischof H.-J. Abromeit sind vorgesehen.
Die Gespräche mit den übrigen „Sabbaticals“, die mit mir zusammen dieses Semester verbringen, sind sehr wertvoll. Unsere Gruppe besteht aus 7 Pfarrpersonen aus verschiedenen Teilen Deutschlands, 3 aus der Schweiz und jemand kommt aus Österreich. Mit einem meiner Kollegen aus Sachsen (ehemalige DDR) habe ich ein eindrückliches Interview geführt, welches unten nachgelesen werden kann.

Tja, und dann gibt es da noch die ganz normalen Herausforderungen des Alltags, die zu „bewältigen“ sind, als da wären der Einkauf, das Kochen, die Wäsche, das Putzen usw. Meine derzeit noch grösste Herausforderung in Sachen „Praktischer Theologie“ ist das Bügeln meiner Hemden: Ich bewundere seither meine Frau auch in dieser Beziehung! Ich selber schaffe es noch nicht, sie rumpffrei gebügelt hinzubekommen (was zur Folge hat, dass ich gelegentlich etwas „zerknittert“ unterwegs bin)…
Ich warte auch Anfang Mai immer noch auf den Frühling. Das Wetter hier oben ist oft kühl, windig und nass. Beim Velofahren hat man entweder Rückenwind oder (gefühlt: öfter) Gegenwind! So wie im sonstigen Leben ja auch… Vom 21. bis 28. Mai werde ich für eine Woche zurück zu meiner Familie in den Thurgau kommen.
Mit herzlichen Grüssen und Gott befohlen!
Richard Häberlin

Und hier das Gespräch mit Pfarrer M. Tetzner:
Autor: Richard Häberlin     Bereitgestellt: 09.05.2017    
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch