Rückblick auf mein Sabbatical

Ausblick<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>evang-weinfelden.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>1</div><div class='bid' style='display:none;'>1938</div><div class='usr' style='display:none;'>2</div>

Zum Zeitpunkt des Schreibens dieser Zeilen neigt sich mein Sabbatical in Greifswald langsam, aber unaufhaltsam dem Ende zu. Mit der letzten Vorlesung am 14. Juli werde ich meine Sachen definitiv packen und tags darauf in den Zug nach Berlin steigen, wo mich das Flugzeug zurück in die Schweiz bringen wird.
Richard Häberlin,
Eine unglaublich wertvolle, reich erfüllte und erholsame Zeit liegt hinter mir. Die Mischung aus Studium an der Universität, Impulsen am IEEG (Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung), die Gespräche mit den anderen Sabbaticals und den Studierenden, die Begegnungen mit Menschen aus Kirche und Gesellschaft sowie die ausgedehnten Wanderungen und Velotouren in der wunderschönen Landschaft Vorpommerns waren dazu angetan, meine „Batterien“ wieder aufzufüllen und mir ein Rucksäcklein an Erfahrungen und Erkenntnissen mitzugeben.
Nein, ich werde nicht mit einem „Masterplan“ oder sonstigen fertigen Programmen wieder ins Pfarramt einsteigen! Vieles muss noch geordnet, durchdacht und verarbeitet werden. Im Blick auf die geistliche und kirchliche Situation vor Ort habe ich Deprimierendes, nachdenklich Stimmendes, aber auch Ermutigendes gesehen. Ersteres kann ich zurücklassen, Letzteres lässt sich nicht einfach 1:1 importieren. Was ich aber sagen kann: Mein Vertrauen auf Gott und sein Wort und meine Beziehung zu Jesus wurden gestärkt. Und das ist vielleicht das Wichtigste, jedenfalls das, was ich mir erhofft hatte und was mich auch in Zukunft tragen wird!
Die Tatsache, dass im Osten Deutschlands gerade mal noch 20% der Bevölkerung einer christlichen Kirche angehören, zwingt die Kirchenleitungen langsam, aber immer deutlicher, sich die Frage zu stellen: Wohin soll die Reise der Kirche gehen? Welche Gestalt soll sie annehmen, um der Kommunikation des Evangeliums am besten zu dienen? Der Greifswalder Professor für Praktische Theologie, Michael Herbst, forscht seit vielen Jahren zu diesen Fragen und veröffentlicht Studien zum Zustand der Kirche und deren Personal. Ihm zufolge steht die Kirche im Übergang zu nach-volkskirchlichen Zeiten. Die Förderung der persönlichen Glaubensüberzeugung und die Vernetzung der Überzeugten hat seiner Meinung nach Priorität. Und weiter sagt er: „Biologisch gesehen besteht Leben aus Zellen, die sich teilen. Wenn Zellen sich nicht mehr teilen, sterben sie ab. Wenn Gemeinden sich nicht mehr verändern, vergehen sie“. Die Zukunft der Kirche sieht er regiolokal verfasst, also vom Zusammenspiel von Region und lokaler Glaubensgemeinschaft lebend: Kirchgemeinden in einer Region ergänzen einander aus dem "Angebot" ihrer unterschiedlichen Profile. Dies würde ein Abschied vom parochialen Vollprogramm bedeuten. Und ein Verzicht auf Konkurrenzdenken!
Auch wenn der Traditionsabbruch in der Schweiz noch nicht so gravierend ist wie in Mecklenburg-Vorpommern: Die Zeit wird kommen, in der sich spürbare Änderungen aufdrängen. Auch die Schweiz steuert auf einen Pfarrermangel zu. Das muss nicht nur negativ gesehen werden. Es birgt auch Chancen für notwendige Veränderungen in sich. Das Studium von Literatur zu Themen wie Geistliche Leitung, Change Leading, Innovation und neue Ausdrucksformen von Kirche hat mir wertvolle Impulse gegeben.
Ein immer wieder spürbares Thema war die Vergangenheitsbewältigung in der Gesellschaft der ehemaligen Ost-Bundesländer. Opfer und Täter des SED-Regimes können sich bis heute nicht begegnen. Diese "unsichtbare Mauer" reicht bis in die christlichen Gemeinden hinein. Ein Besuch im ehemaligen Stasi-Untersuchungsgefängnis Rostock bleibt mir in eindrücklicher Erinnerung. Ebenfalls schwierig ist das verbreitete Gefühl vieler "Ossis", auch 20 Jahre nach der Wende zu den Verlierern zu gehören.
Unvergesslich bleibt für mich ein Besuch im Fresh-X-Projekt "nebenan" in Bergen auf Rügen. Dort versucht die junge Lydia, im Plattenbaugebiet Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, ihnen Gastfreundschaft anzubieten und sie zur Nachfolge Jesu zu ermutigen - mit Formen und in Gefässen, die ihnen entsprechen. Hut ab vor diesem liebevollen und oft frustrierenden Einsatz!

Wenn ich Anfang August die Arbeit wieder aufnehme, werde ich mit Daniel Bühler und Esther Baumgartner zwei neue Mitstreiter(innen) antreffen. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit ihnen sowie mit Konvent, Kirchenvorsteherschaft und allen anderen Mitarbeitenden. Ebenso freue ich mich darauf, viele liebe Freunde und Gemeindeglieder wieder zu sehen.
Ich danke der Weinfelder Kirchenbehörde für die Ermöglichung dieser Auszeit und Wilfried Bührer für die pfarramtliche Stellvertretung. Meiner Frau und meiner Familie bin ich zutiefst dankbar, dass sie mich für fast vier Monate haben ziehen lassen.

Pfarrer Richard Häberlin

PS: Das Bügeln der Hemden geht übrigens schon wesentlich besser…
Autor: Richard Häberlin     Bereitgestellt: 29.06.2017     Besuche: 111 Monat
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch